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Anthrazitgruben in Pennsylvanien (USA)

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Einleitung

Die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem alles ein wenig größer ist als in Europa. Alles? Nein, nicht alles. Im Osten Pennsylvaniens, existiert bis heute eine Form der Industrialisierung, die sich durch besondere Kleinheit auszeichnet: der hauptsächlich im County Schuylkill und im angrenzenden Northumberland betriebene Abbau von Anthrazit-Kohle in kleinen Tiefbau-Gruben. Den Betreibern dieser Anlagen, den sogenannten 'bootleg miners', ist der folgende Bericht über einen Besuch der Gruben im Juni 1992 gewidmet.

In Deutschland gab es diese Form des Bergbaus zuletzt in den Nachkriegsjahren. Kleinstzechen, despektierlich als "Zeche Eimerweise" bezeichnet, deckten in den Notzeiten zumindest den Eigenbedarf. Im Ruhrgebiet ging diese Ära Mitte der 70er Jahre mit der Schließung der Kleinzeche Egbert zu Ende.

Erste Eindrücke

Nach einer ausgedehnten Reise durch die Stahlregionen Pennsylvanias sollten nun die Kleingruben in Ost-Pennsylvanien erforscht und vor allem fotografisch dokumentiert werden.

Am Tag der Anreise regnet es in Strömen und ich muß bald einsehen, daß an diesem Tag an's Fotografieren nicht zu denken ist.

In der Gemeindehalle eines kleinen Ortes am Rande der Interstate 81 ist Flohmarkt und ich nutze die Gelegenheit, mir dort die Beine zu vertreten. Der Stand eines älteren Herrn hat bald mein Interesse geweckt, und der Anblick einer uralten, vergammelten Grubenlampe läßt mein Herz höher schlagen.

"Fünfzehn Dollars" antwortet er auf meine Frage nach dem Preis. Ich erfahre, daß er sein ganzes Leben lang in den Gruben der Gegend gearbeitet hat.

Er erzählt von der Schließung der großen Tiefbau-Gruben, die in den 20er Jahren während der Wirtschaftskrise unter dem Konkurrenzdruck der im Tagebau arbeitenden Gruben ihren Betrieb einstellen mußten. Die arbeitslos gewordenen Grubenarbeiter begannen in dieser Situation auf eigene Faust, ohne Konzession und mit einfachsten Mitteln in kleinem Maßstab mit der Gewinnung von Anthrazit-Kohle. Mit einem gewissen Stolz erzählt er, daß alle Versuche der großen Bergbau-Gesellschaften und der Regierung zur Beendigung dieser Aktivitäten am erbitterten Widerstand der 'bootleg miners' scheiterten bis es 1953 zu einer Einigung kam, die den Fortbestand der Gruben sicherte.

Er wundert sich über mein Interesse am Bergbau, und als ich ihm erzähle, daß mein Großvater Kupfer und Eisen abgebaut hat, sinkt der Preis der Lampe plötzlich auf 10 Dollar.

Spurensuche

Dem ausgezeichneten Buch 'Pennsylvania Coal Mine Tipples' von Bernd und Hilla Becher habe ich eine Liste von Orten entnommen, in denen sich Mitte der 70er Jahre Anthrazit-Gruben befunden haben.

Was werde ich davon noch vorfinden? Ich bin gespannt!

Bewaffnet mit einer mehr als dürftigen Karte mache ich mich auf die Suche. Zunächst stoße ich immer wieder auf die von riesigen Tagebauen, den sogenannten 'strip-mines', in der Landschaft hinterlassenen Narben. In Goodspring treffe ich dann endlich auf eine Eisenbahnstrecke, die auf keiner Karte verzeichnet zu sein scheint. Ich folge der Trasse durch den Wald und stoße bald auf eine Verladeanlage, die augenscheinlich noch in Betrieb ist. Eine Grube ist hier zwar nicht zu entdecken, aber die überall herumliegenden Kohlebrocken sprechen Bände. Tiefe LKW-Spuren führen mich alsbald zu den ersten noch in Betrieb befindlichen Anthrazit-Gruben.

'Zutritt Verboten!' und 'Lebensgefahr!' ist auf den Schildern zu lesen, die vor dem Betreten der Anlagen warnen. Ich bin verunsichert. Wie wird man auf einen verrückten Ausländer reagieren, der mit kiloschwerer Fotoausrüstung beladen in privates Territorium eindringt? Zum Glück sind meine Sorgen unbegründet. Ich werde ausnahmslos sehr gastfreundlich und herzlich empfangen und man beantwortet gern meine Fragen.

Im Bear Valley gerate ich in ein Labyrinth von Schotterstraßen. Ich versuche diese so systematisch wie möglich nach Gruben abzusuchen wobei sich das strahlende Weiss meines Leihwagens bald in ein schmuddeliges Grauschwarz verwandelt. Hätte ich nur eine bessere Karte oder gar einen Geländewagen!

Die Rettung naht in Form eines alten aber robusten PKW, der von einem bärtigen Grubenarbeiter geschickt an den unzähligen Schlaglöchern vorbeimanövriert wird. Ich erkläre ihm mein Problem und er bedeutet mir einzusteigen. Er wird mich zu den Gruben des Bear Valley führen. Während ich eine Grube nach der anderen auf Film banne hilft er noch schnell einem Kollegen beim Sortieren und Verladen der Kohle.

Nach getaner Arbeit lädt er mich noch zu einem Glas Bier in den örtlichen Pub ein. Als ich ihm auf die Frage, wo ich heute Nacht schlafen werde, ein Motel nenne sagt er nur "viel zu teuer" und organisiert bei der Wirtin schnell ein Zimmer für mich. 5 Dollar soll es kosten. Er verabschiedet sich und ich beziehe mein 5 Dollar Zimmer - allerdings mit einigem Entsetzen: das Bett ist augenscheinlich trotz reger Benutzung seit Monaten nicht mehr frisch bezogen worden, ganz zu schweigen von der längst überfälligen Reinigung der Gemeinschaftstoilette. Ich hole mir meinen vorsorglich mitgebrachten Schlafsack aus dem Wagen und falle nach einem erfüllten Tag in tiefen Schlaf.

Mit einfachsten Mitteln

Was macht eigentlich den besonderen Reiz dieser pennsylvanischen Anthrazit-Gruben aus?

Sicher ist es ihre landschaftlich schöne Lage in den Wäldern der Appalachen. Aber da ist noch mehr.

Das Außergewöhnliche sind die oft primitiv anmutenden, meist aus Holz zurechtgezimmerten Fördergerüste und die teilweise aus Schrott hergestellte maschinelle Ausstattung.

Die Eigentümer der Gruben, die oft als Familienbetriebe geführt werden, haben meist nicht das zur Erstellung aufwendiger 'moderner' Anlagen notwendige Kapital. Aber sie verfügen über ausreichend Phantasie und Improvisationsvermögen, um auch mit einfachsten Mitteln an die begehrte Anthrazitkohle heranzukommen. Da werden ausgediente LKW oder alte Bagger zu Fördermaschinen umfunktioniert, Rüttelsiebe werden mit Hilfe alter PKW-Motoren angetrieben, und ein Kompressor aus den 20er Jahren verrichtet noch immer brav seinen Dienst.

Centralia: die Erde brennt

Ausgehend von einer Mülldeponie entzündeten sich im Jahre 1960 nahe der Ortschaft Centralia (County Columbia) die in einer aufgegebenen Grube zurückgebliebenen Kohlenreste. Zunächst glaubte man, das Feuer würde irgendwann von selbst verlöschen, aber es fraß sich unterirdisch bis unter den Ort vor. Der aus dem Boden dringende beissende Qualm hat die Vegetation erheblich geschädigt und macht Centralia bis heute praktisch unbewohnbar.

Befahrung

Auf dem Wege von Goodspring nach Keffer fällt mir eine kleine von LKW-Reifen tief zerfurchte Schotterstraße auf, der ich neugierig folge. Nach kurzer Fahrt stehe ich inmitten von Grubenholzstapeln, Kohlehalden und alten Maschinen vor einer für hiesige Verhältnisse schon modern anmutenden Grubenanlage.

Der Arbeiter, der dort mit einem Bulldozer Abraum beiseite schafft, entpuppt sich als der Besitzer der Grube, die mit ihren 20 Mitarbeitern schon zu den 'Großbetrieben' der Region zählt.

"Ob ich denn einmal einfahren möchte" will er wissen. Klar will ich! Meine Sicherheitsbedenken sind schnell zerstreut, denn die Anlage macht einen vertrauenerweckenden Eindruck. Das Fördergerüst ist hier immerhin schon aus Stahl, und als Antrieb dient eine ehemalige Schiffswinde. Mit Hilfe eines Bügels ist ein stählerner Kasten, einem Skip ähnlich, so mit dem Förderseil verbunden, daß er im oberen Punkt gekippt und die Ladung in einen Bunker entleert wird. Aus dem amerikanischen Ausdruck für diese Vorrichtung, 'tipping device', leitet sich die Bezeichnung der Kleingruben als 'tipples' ab.

Wir besteigen besagten Skip und gleiten auf stählernen Schienen langsam in den Schrägschacht hinab. In einer Tiefe von etwa 100 m ist die Fahrt zu Ende, und ich bin erstaunt über die Größe des Grubengebäudes. Zum Entladen der Wagen hat man hier immerhin einen zweigleisigen 'Bahnhof' angelegt. Von den Gleisen ist allerdings kaum etwas zu sehen, da das Wasser hier knöcheltief steht. Gottseidank hat man mir vor der Einfahrt Gummistiefel verpasst, so, daß ich mich nun wie ein richtiger 'boot legger' fühle und die Füße trocken bleiben.

"Wasser ist hier ein Problem" wird mir erklärt. Dagegen ist die Gefahr durch Gase (schlagende Wetter) eher gering. In manchen Gruben soll sogar geraucht werden, was natürlich strikt verboten ist.

Ich habe das Gefühl, daß die Leute hier im Umgang mit Verboten so ihre eigenen Vorstellungen haben. Sie verlassen sich lieber auf ihre Erfahrung und ihren gesunden Menschenverstand.

Durch gut ausgebaute Strecke folge ich dem Arbeiter. "Die Flöze sind hier oft mehrere Meter mächtig, und die Kohle ist von außergewöhnlich guter Qualität" sagt er und kann kaum glauben, daß Steinkohle-Bergbau in Europa ein hochsubventioniertes Verlustgeschäft ist.

Irgendwann geht es über eine Reihe von Leitern durch enge Schächte hindurch nach oben, und ich muss aufpassen, daß ich nicht an vorspringenden Holzstempeln hängenbleibe. Immer wieder fallen kleine Steinchen herab und ich verstehe schnell den Sinn des zunächst etwas lästig erscheinenden Schutzhelms.

Obwohl die Arbeit für heute ruht ist die Luft ist noch erfüllt vom Dunst der Sprengungen. Frisch gewonnene Kohlebrocken glänzen im Licht der Lampen. Von irgendwo hört man das Zischen einer undichten Preßluftleitung, eines der wenigen Zeichen von Mechanisierung in dieser Grube.

Durch ein Gewirr von Schächten und Streben geht es zurück zum Hauptschacht und nach wenigen Minuten empfängt uns wieder Tageslicht.

In einem Schuppen, der als Waschkaue dient - fast schon ein Luxus für einen 'bootleg miner' - entledige ich mich der nassen Kleidung und komme mit den Arbeitern in's Gepräch, die ihre Schicht beendet haben und noch ein wenig in gemütlicher Runde zusammensitzen. Die Arbeit sei schwer und manchmal auch gefährlich, aber den ganzen Tag lang im Büro sitzen, nein, das könne man sich nicht vorstellen.

Mit den Worten "Morgen früh um sechs?" und einem kräftigen Händedruck verabschiedet sich der Chef von mir, und ich frage mich noch lange, wie ernst diese Frage wohl gemeint war.

Abschied

Nach einer Woche ist die Zeit des Abschieds von den 'bootleg miners' gekommen, einer Woche, die mich zu gut einem Dutzend aktiver Anthrazit-Gruben geführt hat. Ich bin aufgeschlossenen und gastfreundlichen Menschen begegnet, die mit Mut, Kraft und einem gewissen Eigenwillen ihre harte Arbeit verrichten.

Anthrazitgrube 'A+J Coal'
Anthrazitgrube 'A+J Coal'
Anthrazitgrube 'C+K Coal'
Anthrazitgrube 'C+K Coal'
Anthrazitgrube 'Buck Mtn. 2' ('Big Buck')
Anthrazitgrube 'Buck Mtn. 2' ('Big Buck')
Anthrazitgrube 'Brookside Coal 4 Foot Slope'
Anthrazitgrube 'Brookside Coal 4 Foot Slope'
Anthrazitgrube 'Little Buck'
Anthrazitgrube 'Little Buck'
Anthrazitgrube 'Little Buck'
Anthrazitgrube 'Little Buck'
Anthrazitgrube 'Primrose Coal'
Anthrazitgrube 'Primrose Coal'
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube 'Zimmerman Coal Co.'
Anthrazitgrube 'Zimmerman Coal Co.'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube 'D.K.+K.Coal'
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Tipple
Tipple
Kohlengrube 'Jordan Coal Co.'
Kohlengrube 'Jordan Coal Co.'
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube
Anthrazitgrube 'Jeff Coal'
Anthrazitgrube 'Jeff Coal'
Anthrazitgrube 'Jeff Coal'
Anthrazitgrube 'Jeff Coal'

Die meisten der hier gemachten Angaben beruhen auf mündlichen Informationen der Grubenarbeiter und der Anwohner. Irrtümer sind daher nicht ausgeschlossen, und ich bin dankbar für jegliche Korrekturhinweise.


©   Harald Finster, Gulpener Str. 26, 52074 Aachen, Germany   Industriefotografie
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